Sprachtipps der Woche


03 – Schluss mit hätte, könnte, würde – stattdessen machen

„Würdest du dich jetzt bitte mal hinsetzen?“ Die Lehrerin klingt genervt. Sie sitzt im Morgenkreis und sieht den Jungen gar nicht an, mit dem sie spricht. Ich hospitiere in der Klasse meiner Tochter und beobachte diese Szene. Der Junge hat wirklich Hummeln im Hintern. Er kann oder will sich einfach nicht dazu setzen und still sein.

Wie reagiert er? Gar nicht.

Woran liegt das?

Nun: Der Satz ist schwammig, vieldeutig, emotional und leichtgewichtig.

Die Satzmelodie formuliert eine Frage. Somit wird auch der Inhalt fraglich. Eine Frage kann der Junge mit Ja oder Nein beantworten. Die Entscheidung darüber liegt ganz bei ihm. Das ist der Charakter einer Frage.

Sie beginnt den Satz mit „Würdest du…“

Der Konjunktiv „würde“ ist eine Möglichkeitsform. Von dieser reinen Möglichkeit, das zu tun, was die Lehrerin will, wird er freiwillig wohl keinen Gebrauch machen. Er hat die Macht, darüber zu entscheiden und er hat keine Lust. Der Handlungsimpuls fehlt.

Dazu kommt die entnervte Stimme, vielleicht noch ein Augenrollen und das verwässernde Füllwort „mal“. Sie transportiert ihren wiederholten Ärger damit, dies aktiviert seine Gefühlsebene und ruft einen natürlichen inneren Widerstand hervor. Wer will sich schon gerne etwas vorwerfen lassen? Niemand.

Ergo: Nichts passiert.

Wie kann sie es besser machen?

Sie wird besser reden und ihr Ziel erreichen, wenn sie ihn präsent, kraftvoll und eindeutig anspricht. Zum Beispiel so:
„Lukas, (Pause, bis er sie anschaut) bitte setz dich an deinen Platz. (Pause) Ich beginne mit dem Unterricht.“ – (wenn er sich gesetzt hat) „Ich danke dir.“

Was ist der Unterschied?

„Lukas, …“ Sie spricht ihn zunächst wertschätzend (ohne Vorwurf und Anklage in der Stimme) mit seinem Namen an. Damit fühlt er sich als Person gesehen und wahrgenommen. Erst, wenn er sie anschaut, spricht sie weiter:

„…bitte setz dich an deinen Platz.“  Sie spricht eine klare und eindeutige Handlungsaufforderung aus. Keine Frage. Sie fühlt ihre eigene Bestimmtheit und traut ihm zu, dass er dieser Aufforderung nachkommen wird.

„Ich beginne mit dem Unterricht.“ Sie liefert ihm eine Erklärung für ihren Wunsch und lenkt damit seine Aufmerksamkeit auf den Kontext, in dem sie sich befinden.

„Ich danke dir.“ Kommt er dieser Aufforderung nach, registriert sie das und honoriert sein Verhalten mit dem Dank. Damit bekommt er auch Zuwendung, wenn er sich positiv im Sinne der Klassengemeinschaft verhält – und nicht nur bei Störaktionen.

In dieser Form wird sie wirksam sprechen. Sie wirkt mit ihrer Haltung und ihren Worten klar führend, bestimmt, wertschätzend und geerdet.

Probiere es aus. Denn: Jedes Wort wirkt!

Sprache & Wirkung / Birgit Minor

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